Ausstellungsreport Geschichte bei 18 Grad Celsius

Kleinod aus staufischer Zeit: der Onyx von Schaffhausen. © pr/Kulturhistorisches Museum Magdeburg

500 Jahre mittelalterliche Geschichte auf 2000 Quadratmetern: Gestern startete die Magdeburger Schau „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation – von Otto dem Großen bis zum Ausgang des Mittelalters“. chronico sah sich um.

Kontinentale Dimensionen

Es ist kühl in den Räumen des Kulturhistorischen Museums in Magdeburg. Kein Saal, in dem nicht eine Klimaanlage peinlich genau über Temperatur und Luftfeuchtigkeit wacht. 18 Grad müssen es sein – alles andere könnte den Kostbarkeiten schaden. Schätze aus Papier und Pergament und unglaublich wertvollen Einbänden. Und mittendrin der Codex Manesse, der in der Stauferabteilung der Ausstellung in Panzerglas thront.

Neun Millionen Euro ließen sich das Land Sachsen-Anhalt, die Stadt Magdeburg und verschiedene Sponsoren das Mammutprojekt kosten. Und doch zeigt die Landeshauptstadt nur einen Teil der Gesamtschau – die andere Hälfte (von 1500 bis 1806) ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Eine Arbeitsteilung, die bereits vor etlichen Jahren abgesprochen wurde. „Ein Museum hätte das allein nicht seriös umsetzen können“, meinte der Berliner Museumsleiter Professor Hans Ottomeyer zur Eröffnung in Magdeburg.

Noch etwas förderte das Vorhaben gerade zu diesem Zeitpunkt: Nicht nur das Datum – exakt 200 Jahre sind seit dem Ende des so genannten Alten Reiches vergangen –, auch der Zeitgeist erlaube den Blick auf das Römische Reich mit deutscher Prägung, meinten die Organisatoren. Was vor 1989 im gespaltenen Europa kaum möglich gewesen wäre, ist nun im Zuge gesamteuropäischer Politik willkommen. Die Ausstellungsmacher wollen ihr Projekt als Geschichtsdarstellung mit europäischen Dimensionen verstanden wissen. Die EU hat das Ansinnen bereits honoriert und die Schau zur 29. Europaratsausstellung erhoben. Aber nicht nur das macht die Ausstellung zu einer der wichtigsten des Jahres.

Hochkarätige Originale

Sämtliche Objekte der mehrere Hundert Stücke umfassenden Ausstellung sind Originale. Keine Kopie verfälscht den Blick auf echte Zeitzeugen. Sparsam eingesetzte Beschriftungen fokussieren die Konzentration zusätzlich. Die Stücke sollen für sich sprechen, nur wenige Zeilen stehen jedem Objekt für Erklärungen zur Verfügung.

Besucher müssen allerdings nicht ganz einer Führung entbehren. Die kommt gleich doppelt – thematisch und chronologisch. Sieben Abteilungen geben einen geschichtlichen Rahmen vor. Von der antiken und spätantiken Zeit der römischen Cäsaren bis zu einem kleinen Ausblick, der den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit thematisiert. Zwischen Prolog und Epilog eingebettet bilden fünf bedeutende Herrscherdynastien das Rückgrat der Ausstellung. In jedem Raum findet sich ein knapper, aber ausreichender Einführungstext auf schmalen Fahnen.

Keine üppigen Lichtinstallationen, keine Spielereien. Nur Vitrinen und ihnen die Kostbarkeiten von 168 Leihgebern aus 13 Ländern. Und doch ordnen sich die Objekte zur sorgfältig zusammengestellten Kapiteln mittelalterlicher Geschichte. Die knappen Erklärungen reichen aus, um in jedem Raum zu wissen, um welches Kapitel es geht. Die reduzierte Ausstellungsform erlaubt aber zugleich ein zwangloses Wandeln durch die Reichsgeschichte. Es funktioniert auch von hinten nach vorn – wer mag, kann getrost gegen den Besucherstrom seinen eigenen Weg suchen.

Erbe der Mächtigen

Zeit und ein Auge fürs Detail. Wer beides mitbringt, entdeckt gute Bekannte aus Geschichtsbüchern und vor allem viel Neues. Großformatige Chroniken, Evangeliare, Handschriften und Urkunden dominieren in vielen Räumen. Aus der schieren Masse stechen der Codex Manesse oder Bücher wie der Sachsenspiegel heraus. Aufwändige Illuminationen blenden das Auge.

Doch gleich neben der Manessischen Liederhandschrift liegt ein weniger bekanntes, aber gleichfalls bedeutendes kulturgeschichtliches Kleinod. Eine prächtige Handschrift, die den „Willehalm-Zyklus“ enthält. Um das Original, den Willehalm von Wolfram von Eschenbach, entstanden im 13. Jahrhundert auch eine Vorgeschichte („Arabel“ von Ulrich von dem Türlin) sowie die Fortsetzungsgeschichte „Rennewart“ von Ulrich von Türheim. Auch eine Ausgabe der „Weltchronik“ von Rudolf von Ems ist hier zu sehen. Ein Hauch von Ritterlichkeit und Minnedienst liegt über dem Raum. Kein Wunder, er ist dem Kapitel „Höfische Feste und Kultur“ zur Stauferzeit gewidmet.

Die Ausstellung glitzert nur so von Kronen, Zeptern, kunstvollen Schnitzereien, Goldenen Bullen und anderen Insignien von Macht und Herrlichkeit. Einzig in der Salierabteilung lassen rostige Funde aus der Kaiserpfalz Tilleda etwas vom Alltag einfacher Pfalzbewohner erahnen. „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ ist den Mächtigen gewidmet. Denen, die nach Meinung der Historiker den Gang der Geschichte vorangetrieben haben. Bis es im August 1806 unter Napoleons Druck aus war mit der politischen Bedeutung des Reiches. Sein Erbe ist eindrucksvoll und lehrreich genug.

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