Alte Musik Drei Arten Melancholie

Drei Alben, zwei Kirchen, ein Ziel: Werbung für Alte Musik. © chronico

Raumklang schickt Musiker gern für Aufnahmen in Kirchen. Daher kommt das gewisse Etwas, das den Alben des Labels für Alte Musik eigen ist: ein Nachhall, der die Melodien sanft umgibt. Eine musikalische Reise in schwindelnde Höhen.

Fröhliche Durchmischung

Die internationale Musikerszene, die sich mit Alter Musik befasst, ist nicht eben groß. Irgendwie kennt jeder jeden. Und die meisten haben in ihrem Künstlerleben eine gewisse Zeit an Kaderschmieden wie der „Schola Cantorum Basiliensis“ (SCB) in Basel verbracht. Die Leipziger Musikwissenschaftlerin und Musikpädagogin Susanne Ansorg war an der SCB und perfektionierte dort unter anderem ihr Spiel auf mittelalterlichen Streichinstrumenten. Rebec, eine Vorläuferin der Violine mit drei Saiten, und die Fidel, Vorfahr der größeren Geige mit bis zu sieben Saiten, sind die Instrumente, mit denen Ansorg auf allen hier vorgestellten Alben zu hören ist.

Ansorg ist eine Musikerin mit vielen Gesichtern. Sie musizierte schon mit Raumklang-Chef Sebastian Pank im Leipziger Mittelalterensemble Ioculatores. Seit 1991 ist sie künstlerische Leiterin des Festivals für Alte Musik „montalbâne“ in Freyburg (Sachsen-Anhalt) – wiederum in Zusammenarbeit mit Pank und dem „Schloss Goseck e.V.“ (siehe Beitrag: „Zeitlose Musik am ‘Sonnentempel’ “ im Dossier). Das renommierte Festival findet in diesem Jahr am letzten Juniwochenende statt. Und dabei tritt eine Gruppe auf, die seit 1986 für eine fröhliche Durchmischung der Musik aus vier Weltgegenden sorgt. Sarband heißt das Ensemble, das Traditionen und Musiker aus Orient und Okzident zusammenbringt. Und Ansorg spielt bei Sarband mit.

Bei Sarband musiziert auch die schwedische Sängerin und Harfenistin Miriam Andersén. Auch sie – wen wunderts – studierte an der SCB. Mit Ansorg tritt die Künstlerin zudem in den beiden Ensembles Belladonna und Les Flamboyants auf. Beide Gruppen sind in unserer kleinen Vorstellungsrunde vertreten. Die teils engen Verbindungen zwischen den Musikern bieten reichlich Platz für spannende Projekte. Mit mittelalterlicher Musik haben alle drei hier vorgestellten Einspielungen zu tun. Sebastian Pank produzierte sie selbst. Und wanderte mit Künstlern und Aufnahmetechnik in kleine Kirchen in Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Heraus kamen Alben von bestechend präzisen Tönen und voll sattem Klang.

Burgundisch: Triste plaisir

Gleich das erste Album „Triste plaisir“ zeigt deutlich, wohin die Reise bei diesen Raumklang-Scheiben geht. Brachiale Mittelaltermarktmusik ist dort nicht zu finden. Labelchef Sebastian Pank ist diesen lauten Klängen zwar nicht abgeneigt – auch die Leipziger Musiker von Ioculatores spielten einst auf Märkten im Osten Deutschlands –, doch Raumklang-Musik spürt historischen Aufführungspraktiken nach. Man darf als moderner Hörer getrost die Tatsache beiseite legen, dass es meist Männer waren, die in Mittelalter und Renaissance öffentlich die Stimme erhoben. Auf „Triste plaisir“ und den anderen Alben sind es Frauen, die die Alte Musik zelebrieren. Und das eben in authentisch anmutender Manier.

Der burgundischen Musik des 15. Jahrhunderts wohnt eine schlichte Schönheit inne. Die Alt-Stimme der Stockholmer Sängerin Lena Susanne Norin perlt samtweich. Sie gibt den Rhythmus vor, harmonisch begleitet von Fidel und Rebec – gespielt von Susanne Ansorg und ihrem ehemaligen Lehrer in Basel, Randall Cook (USA). Auch Norin widmete sich der Renaissancemusik an der SCB. Das Trio fand sich eigens für die Aufnahme zu „Triste plaisir“ zusammen.

Das Album ist eine Hommage an den Chansondichter Guillaume Du Fay, der zeitweilig am burgundischen Hof von Herzog Philipp dem Guten (1419-1467) wirkte. Mitten in den Auseinandersetzungen zwischen Herzogtum und England auf der einen und Frankreich auf der anderen Seite brachten die Künstler jener Zeit eine ausgefeilte Liedpraxis hervor, die heute als „burgundische Schule“ bekannt ist. Renaissancemusik, die in ihrer vornehmen Reduziertheit, was den Einsatz von Instrumenten und die strenge Harmonie der Melodien umfasste, zur besonderen Blüte erwuchs. Daran hatte auch der Flame Du Fay seinen Anteil.

Das Album umfasst 20 weltliche Stücke des Komponisten, der auch Werke für Kirchen schrieb. Um so reizvoller die Tatsache, das nun jene diesseitigen Lieder in der Kirche zu Polditz in Sachsen aufgenommen wurden. Der leichte Nachhall der Aufnahmestätte sorgt denn auch für einen getragenen Klang. Die Stücke kommen voll süßer Melancholie daher. Sie scheinen nicht für derbe Wirtshäuser oder genussvolle Feste gemacht. Und doch: Die Lieder handeln von sehr irdischer Liebe („Schöne, wollet mich als euren Diener ansehen“) und dem Loblied auf das pralle Leben („He Freunde, erwachen wir und seien nicht mehr sorgenvoll! Bald kommt die schöne Jahreszeit…“).

Das Album erscheint in klassischer Raumklang-Verpackung: liebevoll gestaltetes Booklet mit Liedtexten und Übersetzungen sowie Hintergrundinformationen und eine schlichte, aber elegante Hülle. Ein Hörvergnügen für süß-melancholische Stunden.

Englisch: Melodious Melancholye

Für die Aufnahmen zu diesem Album zog es es die Raumklang-Mannschaft 2004 erneut in die Polditzer Kirche. Diesmal mit dem Damenensemble Belladonna. Wiederum eine Gruppe, deren Mitglieder sich in den 1990er Jahren an der Baseler Schule fanden. Susanne Ansorg, Miriam Andersén und die kanadische Sängerin und Violinistin Rebecca Bain hoben Belladonna 1997 aus der Taufe. Ihr Album „Melodious Melancholye“ ist eine Zeitreise durch die englische Lieddichtung vom 13. bis zum 15. Jahrhundert.

Der Unterschied zu den burgundischen Werken ist kaum zu überhören: Auf ihrer „englischen“ Scheibe geben die Frauen von Belladonna dem Instrumentarium deutlich mehr Raum. Ansorg und Bain preschen gern mal mit ihren Fideln vorweg und bereiten souverän den Weg für die zuweilen zweistimmigen Lieder. Diese wirken weniger entrückt als bei „Triste plaisir“, sondern gewissermaßen erdiger.

Bei manchem Stück habe ich mir allerdings vorgestellt, wie kernig es wohl klänge, wenn ein mittelenglisch singender Troubadour sie vortrüge. Bei diesen Zeilen etwa: „Lustig ist es während der Sommerzeit, wenn die Vögel singen. Ach, nun kommen Sturm und Unwetter! Ach, diese Nacht ist lang und ich habe nur Sorge und Trauer.“ Es ist die Übersetzung eines der frühesten Beispiele weltlicher englischer Musik. Das Lied heißt im Original „Miri it is while sumer ilast“, stammt aus der Zeit um 1225 und wird in seiner schriftlichen Fassung in Oxford aufbewahrt. Natürlich bieten es die Sängerinnen Bain und Andersén in stilistisch ausgefeilter Technik dar. Dennoch lässt das Arrangement durchblicken, wie virtuos die englischen Dichter mit ihren Melodien umgingen. Für die ideale Strenge der mittelalterlichen Chansons hatten sie nicht viel übrig. Und das bringen Belladonna auch rüber. Trotz oder wegen ihrer Professionalität? Die Antwort ist Geschmackssache; das Hören jedenfalls ein Vergnügen.

Himmlisch: Hildegard und Birgitta

Die Musik des dritten Albums kehrt mit den Aufnahmen aus einem Gotteshaus (diesmal die romanische Basilika von Knechtsteden im Jahr 1998) nun wirklich an ihren Bestimmungsort zurück. Es geht – bis auf wenige Ausnahmen – um Lobgesänge an Maria. Alle 13 Stücke stammen aus der Feder zweier bemerkenswerter Frauen des Mittelalters: Hildegard von Bingen (1098-1179) und Birgitta von Schweden (um 1303 bis 1373).

Die Scheibe verweist mit ihrem sehr prosaischen Titel schlicht auf diese beiden Frauen. Was das Ensemble Les Flamboyants aber arrangiert hat, birgt eine lyrische Art von Brachialität. Man lege das Album einfach auf, drehe den Lautstärkeregler nach oben und lausche. Schon das erste Stück, ein Antiphon (Choral als Wechselgesang) von Hildegard von Bingen, schwingt sich kraftvoll in lichte Höhen. Man spürt die Töne buchstäblich durch das Gewölbe der Basilika dahinrollen. Allein diese Aufnahmen zeigt, wie richtig der Gedanke ist, die Aufnahmen in einer Kirche zu machen. Die Wirkung ist bombastisch.

Die Spezialität von Les Flamboyants ist die Musik vor 1500. Für dieses Album voll mystischer Dichtung pickten sich die Musiker um Ensemblegründer Michael Form aus Mainz die überlieferten Werke zweier bedeutender Frauen heraus, deren Lebenszeit fast zwei Jahrhunderte trennen. Die Liederarrangements harmonisieren gleichwohl. Wiederum begegnen uns mit diesem Ensemble Künstler, die sämtlich die SCB durchliefen. Neben Ansorg, Andersén und Form treten hier die beiden Sopransängerinnen Kelly Landerkin (USA) und Marilia Vargas (Brasilien) auf.

Rein stimmlich schweben die Sängerinnen in genau jenen Höhen, in denen Hildegard und Birgitta sie sicher gern selbst erlebt hätten. Auch die Basilika mit dem sanft rollenden Nachhall, der den Hörgenuss perfektioniert, hätte sicher auch den Beifall der rheinischen Äbtissin und der schwedischen Ordensgründerin gefunden. Allein, die modernen Musiker interpretieren das historische Material sehr frei. Wo ursprünglich nur Einstimmigkeit verlangt wurde, geben Les Flamboyants auch der Mehrstimmigkeit Raum. Puristen ärgerte an dieser Aufnahme aber, dass das Ensemble auch Instrumente einsetzte – ganz im Gegensatz zur gängigen Aufführungspraxis. Angeblich hatte sich Birgitta sogar ausdrücklich dagegen verwahrt, dass außer Gesang noch mehr zu hören ist.

Fidel (Ansorg), Zimbeln (Andersén) und Blockflöte (Form) stören indes keineswegs. Sie unterstützen die ganze Sache und lockern den zuweilen streng liturgisch wirkenden Gesang auf. Gegen diese freie Interpretation ist überhaupt nichts einzuwenden, sie ist freilich wiederum Geschmackssache. „Musikalische Farbigkeit“ nennt Michael Form das. Dem ist kaum was hinzuzufügen. Nur eine Sache: Diesmal ist den Autoren des Begleitheftes die Sache in großen Teilen gründlich misslungen – zumindest was die Vermittlung für Laien angeht. Wer sie erreichen will, sollte womöglich weniger selbstverliebt in Fachchinesisch schwelgen. Ein Übermaß an „relativischen Anschluss“ oder „iterativen Aspekt“ möchte sonst jenen Recht geben, die meinen, Alte Musik sei nur etwas für ein überfeinertes und vergeistigtes Publikum. Das Gegenteil ist der Fall.

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