Jugendbuch Mit „Zeitpiloten“ zu den Kelten

Kometen und Kelten sind die Protagonisten des ersten Zeitpiloten-Bandes. © Baumhaus Verlag

Geschichte vermitteln und zugleich unterhalten – eine schwierige Kiste für Jugendbuchautoren. Der Baumhaus Verlag wagt sich mit der „Zeitpiloten“-Serie vor. Das ist nur zum Teil geglückt.

Spannend anmutendes Konzept

„Die Zeitpiloten“ ist ein multimediales Jugendbuchprojekt, das der Baumhaus Verlag aus Frankfurt am Main zusammen mit TV- und Webautor Christian Spanik realisiert hat. Der erste Band, „Meteor!“, erschien im März 2008, „Römer!“ folgt im Juni und Band 3, „Pest!“, ist für das Frühjahrsprogramm 2009 angekündigt.

„Erlebbar und spannend“ soll die Romanreihe unsere Geschichte machen, so verspricht es die aufwändige Werbebroschüre zur Einführung – und einigen Aufwand hat der Verlag auf jeden Fall betrieben, um dieses Ziel zu erreichen, liegt doch jedem Band ein dokumentarisches Geschichtsmagazin auf DVD bei, das man auch im Internet anschauen kann.

Panne führt in Vergangenheit

Im Vergleich zu vielen anderen Büchern über Geschichte liefert Baumhaus damit auf den ersten Blick ein innovatives und modernes Konzept, das auch äußerlich – das Design der DVD ist in den Buchumschlag integriert – spannend gestaltet ist. Beim Blick in das Buch sinkt die Begeisterung allerdings wieder.

Das liegt nicht daran, dass Figuren und Handlungskonzeption sehr an bekannte und erfolgreiche Buchreihen erinnern. Fünf Protagonisten im Kindes- bzw. Jugendalter finden sich nach einer unfreiwilligen Fahrt mit der Zeitmaschine plötzlich in der Keltenzeit – und müssen umgehend ihr „Gefährt“ wieder flott machen, um dem drohenden Einschlag eines Kometen zu entgehen. Jugendliche Helden in Notsituationen, rätselhafte Ereignisse und technische Probleme, das erinnert natürlich an erfolgreiche Formate wie die „Drei Fragezeichen“ und die „Fünf Freunde“ – und tatsächlich, mit von der Partie ist auch Timmy, der Hund, pardon, Jerry, der als sechster Passagier mit in die Vergangenheit reist.

Auch dass Spanik bei der Konstellation seiner Figuren viel zu offensichtlich auf seine möglichen Leserinnen und Leser schielt, wäre allein kein großes Problem – dass die fünf sich nicht grün sind, macht immerhin einen wesentlichen Spannungsfaktor der Geschichte aus und greift direkt auf die Lebenswelt der Leserinnen und Leser zurück. Bei der erzählerischen Umsetzung hat der Autor allerdings zu tief in die Trickkiste gegriffen.

Verwirrender Erzählstil

Spanik baut die Geschichte nahezu vollständig aus der jeweiligen Ich-Perspektive der beteiligten Figuren zusammen. Die Handlung entwickelt sich also nicht in einem überschaubaren Erzählstrang weiter, sondern wird häppchenweise aus der Sicht der verschiedenen Beteiligten dargestellt – wer gerade spricht, muss sich der Leser erst mehr oder weniger mühselig erarbeiten.

Das stört den Lesefluss immens und ergibt auch sonst keinen weiteren Gewinn. Wozu denn bloß?, fragt man sich denn auch und liest irritiert und angestrengt weiter. Bestenfalls. Im schlechtesten Fall legt man das Buch nach den ersten zehn Seiten genervt zur Seite. Denn der permanente Wechsel der Erzählperspektive setzt absolut geübte und gutwillige Leser voraus, die auch dann weiterlesen, wenn das Lesevergnügen permanent getrübt wird.

Damit offenbart sich ein Grunddilemma des Projekts, das wie ein Jugendbuch daherkommt, vom inhaltlichen Anspruch aber eher die Gruppe der 8- bis 12jährigen bedient. Auch wenn die Geschichte selbst, vor allem durch das drohende Ereignis des Kometeneinschlags, durchaus spannend ist – Leser mit ausreichend Leseerfahrung wird sie kaum vom Hocker reißen. Da nützen auch die zahlreichen Cliffhanger, die Spanik in Fernsehmanier einbaut, nichts.

Geschichte ohne Bildungsdruck

Eines kann man dem Autor allerdings nicht vorwerfen – einen falsch verstandenen pädagogischen Ehrgeiz. Das Geschichtsthema wird als Prospekt für eine spannende Geschichte genutzt – viel mehr als zwei Kelten und ein paar nebenbei eingeführte Geschichtszahlen und Begriffe tauchen nicht auf. Und dass er den Kometen erfunden hat, gibt der Autor im Abspann der DVD freimütig zu.

Spanik versucht gar nicht erst, mit seinem Buch den Eindruck einer als Jugendbuch getarnten Faktensammlung zu erwecken. Und das ist auch gut so – denn Kinder und Jugendliche, egal ob nun acht oder vierzehn – winken ohnehin dankend ab, wenn man versucht, sie mit verschleierten Bildungsabsichten für ein Thema zu begeistern. Das mag Eltern, die ihren Kindern mehr Geschichtswissen wünschen, zu wenig sein – doch gerade der lockere Umgang mit Geschichte ist eine der Stärken des Buches. Und mit Sicherheit verfängt der Versuch des Multimediaprojektes, die Kinder vor oder nach dem Lesen zum Anschauen der DVD zu bewegen.

DVD mit jugendlicher Frische? Fehlanzeige!

Mit der DVD können sie dann mehr erfahren. Das Magazin im Infotainment-Stil verbessert den Eindruck des gesamten Projektes allerdings nur mäßig. Die meisten Beiträge sind zwar tatsächlich interessant und auch witzig aufbereitet. Doch die Anmoderation von Fernsehprofi Spanik, der seit 1992 „vor und hinter der Kamera“ (Verlagsprospekt) arbeitet, unter anderem auch für das Geschichtsmagazin „History“, ist eine mittlere Medienkatastrophe.

Der nette Moderator von nebenan sitzt im gräulich-weißen Hemd auf einem roten Sessel, hinter ihm eine graue Wand mit roten Zierstreifen – und erklärt freudig gestikulierend und von sich selbst begeistert, wie das so ist mit der Geschichte. Manchmal steht er auch hinter einem Stehpult. Da wünscht man sich doch, dass der Komet bald kommt. Und erträgt sogar lieber, dass einem noch mal eben auseinandergesetzt wird, was eine Kassette ist. Die ist nämlich heute schon Geschichte – wussten Sie das noch nicht? Ein bisschen einfallsreicher und stylischer muss die Botschaft schon verpackt werden – auch für Achtjährige. Erlebbar und spannend ist sicherlich etwas Anderes.

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2 Kommentare

  1. Ich möchte inhaltlich noch etwas anfügen. Weniger zum Buch, sondern zum beigelegten Magazin als DVD. Schön im ersten Teil der DVD: Das Kapitel zu den Kelten.
    Christian Spanik geht das nicht mit erhobenen Zeigefinger an. Und er ist mit dem Filmteam zu etlichen Plätzen wie Oerlinghausen oder der Heuneburg gegangen, um Bilder einzufangen. Natürlich spielen Akteure aus der Living-History-Szene dort eine Rolle. Den Autoren ist es gelungen, dafür an gute Gruppen zu gelangen, so dass dieses Kapitel nicht in Folklore oder eine Klischeesammlung abgleitet.

    11. Juni 2008, 21:06 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    1
  2. Meine “Rezension” bezieht sich ausschließlich auf den Beitrag “Kelten, Karren – keine Ahnung”, ich wirkte als Darsteller eines hallstattzeitlichen Bewohners auf der Heuneburg mit:

    Man merkt, dass es für Kinder gedacht ist. Christian Spanik ist ganz der “nette Onkel” der heutigen Zielgruppe, wie es Armin Maiwald für mich war – lange ist´s her, dennoch meine ich Ähnlichkeiten zu erkennen. Aber das muß ja nichts schlechtes sein.

    Es gefällt mir, wie er uns über moderne Vergleichsmöglichkeiten die “Probleme” der Kelten, die wir Leute von heute mit ihnen haben, näherbringt. Wie er über mögliche Mißverständnisse aufklärt, ohne den moralischen Dampfhammer kreisen zu lassen. Und er überfordert nicht mit Fachsimpelei.

    Alles in allem ein netter Beitrag. Hat Spaß gemacht. Auch die Dreharbeiten.

    03. Juli 2008, 19:07 Uhr • Melden?

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