Reenactmentmesse Laufsteg für historisches Handwerk

Replik einer römischen Pfauenfibel von Bliesbrück 2. Jh. © Markus Gruner

Zum ersten Mal findet in Deutschland die Internationale Reenactmentmesse statt. Die IRM im April wird von Aktiven der Szene in der römischen Villa Borg organisiert. Für Living-History-Darsteller, Museen und Geschichtsinteressierte.

Messe schließt Lücke

Es ist nicht so, dass Cheforganisator und Initiator Frank Wiesenberg in der Living-History-Szene unterbeschäftigt wäre. Vor gut zehn Jahren begründete er den „Römischen Vicus“ mit. In dem lockeren Verbund haben sich etliche Händler und Handwerker zusammengefunden, die sich ganz oder zum Teil der römischen Kultur verschrieben haben.

Als Gegengewicht zur sonst so stark vertretenen Militärdarstellung sind die Mitglieder jedes Jahr auf vielen Events zu sehen. Wiesenberg ist etwa als Glashändler, Wachstafelmacher oder Bronzegießer dabei. Seit gut 15 Jahren inzwischen schon. Und doch: „Es gibt etwas, das fehlt hierzulande“, meint er. „Es braucht einen Marktüberblick darüber, wer was in welcher Qualität herstellen kann.“

Um das fehlende „Etwas“ besser zu verstehen, mag folgendes Bild herhalten: Gute Living History lebt von zwei Elementen, auf die jeder Akteur bauen muss – Hardware und Software gewissermaßen. Letzteres meint Dinge wie persönliche Bildung, didaktische Fähigkeiten, Recherche und die Lust auf Vermittlungsarbeit. Immerhin geht es um stimmige Geschichtsbilder (auch wenn dieser Begriff an sich schon Probleme aufwirft, aber das ist eine andere Geschichte). Die dafür nötige Hardware ist die Ausrüstung des Akteurs. Sei es als gewandeter Darsteller, als Archäotechniker oder als Museumspädagoge, der Material und Ausstattung benötigt. Und schließlich setzen Geschichtsmuseen gern auf die Präsentation von originalgetreuen Replikaten oder Anschauungsmaterial.

Kurz gesagt, Frank Wiesenberg und seinen Mitstreitern geht es bei der IRM um die Präsentation von hochwertiger Hardware für die Szene. Die Idee ist nicht neu. „In England gibt es schon lange derartige Verkaufsmessen“, sagt Wiesenberg. Den Reenactors Market zum Beispiel.

Nun ist in Deutschland das Bild des Händlers auf historischen Events vor allem durch die Mittelaltermärkte geprägt. Derartige Veranstaltungen haben mit Living History im engeren Sinn wenig gemein. Auch die Reenactmentmesse – obwohl als Verkaufsveranstaltung eindeutig ausgewiesen – hat mit diesen Märkten nichts zu tun. Auf der IRM stellt nur aus, wer sich auch ausdrücklich um die gehobenen Ansprüche der Living-History-Szene bemüht. „Es gibt also eine Qualitätsprüfung“, betont Wiesenberg. Seine Erfahrung, Kontakte zu Museen und Wissenschaftlern und die Referenzen der Bewerber spielen bei der Auswahl also eine Rolle.

IRM als gemeinsame Bühne

Natürlich existieren längst Kontakte zwischen Darstellern, Händlern und Handwerkern. Mancher Akteur vereint jede dieser „Rollen“ in seiner Arbeit. Immerhin gilt es auch als Qualitätsmerkmal, zumindest Teile seiner Ausrüstung selbst in Handarbeit hergestellt zu haben. Aber längst nicht alles lässt sich mangels Zeit, Ressourcen oder Know how selbst herstellen.

Gruppen teilen sich zuweilen die Fertigung von Ausrüstung. Jedes Mitglied macht das, was es am besten kann und tauscht seine Produkte mit anderen. Vieles jedoch wird angekauft. Das ist der Markt, von dem Wiesenberg spricht. Dort tummeln sich Hersteller und Händler, deren Adressen durch Mund-zu-Mund-Propaganda in der Szene gehandelt werden. Mit der IRM soll nun erstmals im deutschsprachigen Raum ein Podium geschaffen werden, auf dem sich Anbieter, Kunden und Neugierige begegnen können.

Schwerpunkt Eisenzeit und Vorgeschichte

„Von der Steinzeit bis zur römischen Spätantike“ – so lautet der Untertitel der ersten Auflage der Reenactmentmesse am 2. und 3. April 2011. Weil die erste Messe zunächst auch ein Testlauf ist, liegt es nahe, sich vorerst auf bestimmte Epochen zu beschränken. Auch aus logistischen und organisatorischen Gründen grenzen die Organisatoren das Darstellungsspektrum erst einmal ein.

Immerhin passen die – bislang zahlenmäßig am stärksten vertretenen – eisenzeitlichen Aussteller ganz hervorragend in das Ambiente des Messestandorts – die römische Villa Borg im saarländischen Perl-Borg. Dort dauert seit 1987 auf einem Grabungsareal die archäologische Erforschung eines antiken Anwesens an. Etliche Teile der Villenanlage wurden inzwischen rekonstruiert und als Museum aufgebaut. Heute präsentiert sich die Anlage so, wie das Gut im 2. und 3. nachchristlichen Jahrhundert ausgesehen haben mag.

Die Villa selbst ist seit Jahren beliebter Standort für Living-History-Events wie die Römertage. Die Ausstellungsräume und die Freiflächen werden für die IRM als Ausstellungsfläche hergerichtet. Für Besucher ein schönes Plus: Für einen geringen Aufschlag auf den normalen Museumseintritt bekommen sie die Villa Borg und die Messestände als Gesamtpaket. Das Museum wiederum könnte sich durch die Kooperation mit der IRM neue Besuchergruppen erschließen – und etabliert sich auch als Mittler zu anderen Museen. Denn auch auf deren Vertreter setzen die Macher.

Wer stellt aus?

Auch die Aussteller sehen durchaus die Vorteile einer Messe. Die Reenactmentszene sei manchmal doch recht schlecht vernetzt, meint Michael Kieweg, der in der Eifel Ausrüstung für traditionelle Bogenschützen fertigt. Zur IRM will er Bögen skythischer und böotischer Bauart sowie Zubehör präsentieren. „Die IRM ist auch eine Gelegenheit, aus der Einzelkämpferecke herauszukommen“, sagt Kieweg, den Wiesenberg wegen seiner praktischen Erfahrung mit historischen Bögen angesprochen hatte. Also weg von etwaigem Konkurrenzdenken, hin zu mehr Vernetzung.

„Ich wünsche mir vor allem fachkundiges Publikum aus der Darstellerszene und Leute von Museen, Ausstellungsmacher, Veranstalter von Events jenseits üblichen Marktmittelalterbreis“, umreißt Kieweg seine Vorstellungen. Markus Gruner (Bronze, Emailliervorführung) hat Replikate aus der Römischen Kaiserzeit dabei; Anneclaer Bours-Bergau präsentiert römische Keramik; Christian Frey (Die Fibelschmiede) nimmt teil und auch Aurificina Treverica. Aus Frankreich hat sich die Keltengruppe Eporedia angekündigt, die ebenfalls mit Handwerkstechniken aufwartet.

Die bislang gut 20 Aussteller liegen zeitlich in ihrer Mehrheit nah beieinander. Prähistorisch und steinzeitlich orientierte Handwerker werden noch gesucht. Auch Anbieter im Lederhandel, Handweber, Naturtextilhändler sowie keltische und germanische Handwerker haben gute Chancen. Bewerbungsschluss ist der 1. März.

Ein Abend in der Villa Borg

Für den Sonnabend, 2. April, haben sich die Organisatoren noch einige Extras ausgedacht. Zum Messegetümmel und dem normalen Museumsbetrieb wird es am Abend noch einen Vortrag geben. Frank Wiesenberg spricht dann ab 18.30 Uhr über „römische Glasrepliken aus der Ichendorfer Glashütte“.

Der Vortrag wiederum leitet den gemütlichen Teil der Messe ein. Wenn es langsam dunkelt, der Messebetrieb für den Tag beendet ist – dann gibt es Lagerromantik. Wie bei klassischen Living-History-Events auch, sammeln sich Akteure und Besucher um Feuer und brutzelnde Pfannen. „Mit einem gemeinsamen Grillabend wollen wir die neue Saison für die Darsteller einläuten“, umschreibt es Wiesenberg.

Das Besondere: Zwar schließt die Villa Borg ab 18 Uhr. Doch wer schon im Museum ist, soll auch bleiben können. Und in einer lockeren Abendrunde mit Ausstellern, Fachbesuchern und Geschichtsfans ins Plaudern kommen.

Zukunftsvision: viele Epochen

Um Masse geht es Wiesenberg nicht vordergründig. Wichtig ist, dass die IRM 2011 vor allem qualitativ ein Erfolg wird. Lieber weniger, dafür gute Aussteller – mit diesem Anspruch geht er in die erste Runde der IRM. Immerhin wird die Szene selbst auch kritisch auf diesen Auftakt blicken. Das und eine gute Publikumsmischung werden für weitere Termine den Ausschlag geben. Egal, was am ersten Aprilwochenende in der Villa Borg über die Bühne geht – eine gründliche Analyse sollten die Initiatoren unbedingt einplanen. Womöglich ist dann auch das vorerst sehr zurückhaltend ausgestattete Begleitprogramm eine Stellschraube, die bewegt werden muss.

„Die IRM soll keine Eintagsfliege bleiben“, sagt Wiesenberg jedenfalls. Womöglich wird es also bereits im nächsten Jahr eine Neuauflage geben. Ob wieder in der Villa Borg oder an anderem Ort, sei dahingestellt. Klar scheint aber dies zu sein: „Später wollen wir auch möglichst viele andere Epochen einbeziehen.“, sagt Wiesenberg. Der jetzt noch eng gefasste Darstellungszeitraum soll also aufgebohrt werden. Bis in die Ära der Napoleoniker oder Preußendarsteller etwa.

Auch dafür gilt es, die nötigen Kontakte zu knüpfen. Womöglich auch Kooperationen mit anderen Veranstaltungen zu suchen, die es in der deutschsprachigen Szene gibt. Sei es bei den stark organisierten süddeutschen Spätmittelalter-Akteuren oder bei einer so gut vernetzten Veranstaltung wie „Tempus – Zeit erleben“ in Niedersachsen. An dieser Multiperiod-Veranstaltung, die im Juni ihre zweite Aufführung erlebt, hat auch Frank Wiesenberg teilgenommen.

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6 Kommentare

  1. Am Montag nach der IRM ein erstes kurzes Fazit von mir.
    Die Veranstaltung hat alle meine Erwartungen erfüllt und entgegen meiner üblichen Art habe ich nix zu meckern.
    Die Villa Borg ist eine tolle Location, die Orga um Frank und Bettina hat alle Versprechungen mehr als erfüllt.
    Die Aussteller waren absolut hochklassig und weil es ausdrücklich KEIN “Mittelaltermarkt im Römersetting” war auch das Publikum fachkundig und interessiert und weit von dem saufenden, Esoterikschwachsinn labbernden Schwarzhemden entfernt, die viele klassische Mittelmärkte dominieren.
    Ich hoffe sehr, daß die Veranstalter genauso zufrieden sind, wie ich und sich die Veranstaltung etabliert.

    04. April 2011, 08:04 Uhr • Melden?
  2. Deine Einschätzung wird vielerorts geteilt, was mich sehr freut. Ich wäre auch gern dabei gewesen, war aber leider schon anderweitig vertastet. Darum die Bitte an die Veranstalter – lange vorher planen und Leute einladen, gern auch ein Jahr vorher, desto größer ist die Chance, dass sich die Veranstaltung etabliert.

    06. April 2011, 22:04 Uhr • Melden?
    von Wulf Hein
    2
  3. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Eine hervorragende Veranstaltung auf hohem Niveau mit kundigem Publikum. Nach wie vor bin ich aber der Meinung das der zeitliche Rahmen deutlich erweitert werden sollte da es in jeder dargestellten Epoche sehr gute Handwerker gibt und ein Austausch “über die Zeiten hinweg” uns alle nur voranbringen kann. Ansonten gilt: “Weitermachen!”

    09. April 2011, 12:04 Uhr • Melden?
    von Aulus
    3
  4. Nun möchte ich mich als Organisator der Internationelen Reenactmentmesse IRM2011 auch kurz zu Wort melden und mich sowohl für die lobenden Worte als auch für die berechtigte (aber zum Glück sparsame) Kritik bedanken.

    Es war uns klar, daß keine Premiere komplett gelingt. Und ob ein – wie wir denken – gutes Konzept auch vom Markt angenommen wird, wollten wir lieber im überschaubaren Rahmen ausprobieren. Gerade deswegen haben wir zum Anfang einen recht eng gefaßtes Zeitfenster der Aussteller gewählt, das primär vom Veranstaltungort, der Römischen Villa Borg vorgegeben war.

    Daß die Enge dieses Zeitfenster nicht von Dauer sein wird, haben wir schon früh durchblicken lassen: Das Zeitfenster wird sicherlich erweitert! Die genauen Eckdaten diskutieren wir zur Zeit noch und wir werden sie baldmöglichst auf der Webseite www.reenactmentmesse.de veröffentlichen.

    Was uns zum nächsten Thema bringt: Der Bewerbungsvorlauf war mit ziemlich genau 2,5 Monaten vor Veranstaltungsbeginn in unseren Augen nicht zu knapp. Allerdings haben wir den Termin an sich wohl für einige Interessenten zu spät publik gemacht. Dies wird uns sicherlich nicht noch einmal passieren. Zwar möchten wir die IRM2012 nicht zu Ostern stattfinden lassen und können deswegen nicht das erste April-Wochenende nehmen, aber wir arbeiten noch an einem Abgleich einiger Termine und werden den Termin für die IRM2012 auch so bald wie möglich herausposaunen. Die Anmeldefrist an sich werden wir aber nicht auf ein Jahr ausdehnen können. Aber der Termin wird längerfristig bekannt gemacht – versprochen!

    09. April 2011, 14:04 Uhr • Melden?
  5. Ich schlage vor, weitere Kommentare zur Veranstaltung in den Nachbericht zur IRM hier bei chronico einzutragen. Hier ist der Link dorthin – obige Kommentare sind schon vor der Publikation des Berichts erschienen…

    13. April 2011, 02:04 Uhr • Melden?
    von Marcel Schwarzenberger
    chronico
    5
  6. Ein ganz kurzer Hinweis in eigener Sache:

    Am 31.03. und 1.04.2012 findet in der Villa Borg die 2. Internationale Reenactmentmesse IRM2012 statt.

    Und @Aulus: Wie schon bei der IRM2011 angekündigt soll nun die präsentiere Zeitspanne von der Steinzeit bis zum 11. Jh.n.Chr. reichen.

    Wir freuen uns auf zahlreichen Besuch!

    Für das IRM-Team,
    Frank Wiesenberg.

    25. Januar 2012, 08:01 Uhr • Melden?

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