Militärwesen Der lange Krieg der Römer

Der Raub der Sabinerinnen zeichnet den Weg des frühen Rom vor. © chronico

Mit einem angeblichen Brudermord begann das römische Jahrtausend. Die Weltmacht hatte es stets mit mächtigen Gegnern zu tun – innen wie außen. Das Buch „Rom und seine Feinde“ gibt beiden Seiten ein Gesicht.

Der Schlüssel zur Macht

Ein Ganzes ist immer die Summe seiner Teile. So hat auch das Gemeinwesen namens „Rom“ mehr Facetten als sich in einem einzigen Buch fassen lassen. Die Oxforder Militärhistorikern Jane Penrose kümmert sich wenig um die wahren Ursprünge Roms. Sie legt auch keineswegs die Gründe dar, die letztlich zum Zusammenbruch des (west)römischen Reiches führten. Penrose streift die kulturellen Belange der Römer und die der anderen Völker nur dort, wo sie ihr wichtig erscheinen. Und sie tut gut daran.

Das Buch ist buchstäblich ein Gewaltritt durch die Geschichte Roms. Es beginnt nebulös mit der legendenhaften Gründung 753 v.Chr. sowie der Regierung der sieben Könige und endet mit dem Ansturm von Hunnen und Goten im 5. Jahrhundert n.Chr. Erst mit der Gründung der Republik um 500 v.Chr. wird die Geschichtsschreibung exakter. Aus zeitgenössischen Quellen und den Forschungsarbeiten der Historiker holt sich Penrose genau die Daten, die sie für einen Überblick über das Militärwesen im Imperium und über dessen Grenzen hinaus braucht.

Das Ergebnis ist das ausgezeichnete Buch „Rom und seine Feinde. Kriege – Taktik – Waffen“; 2005 im britischen Osprey-Verlag aufgelegt und nun bei Theiss erschienen. Die Autorin bietet das, was der Titel verspricht. Mit dem Buch allein lässt sich das Phänomen „Rom“ nicht verstehen. Aber der Band zeigt Roms stärkste Waffe – die Legionen – und vergleicht sie mit dem, wogegen sie eingesetzt wurde.

Roms Wege zur Eroberung

War Rom tatsächlich das „größte Raubtier der Antike“, wie der englische Sachbuchautor Tom Holland in der Einführung schreibt? Pendelte die Regierung des Imperiums wirklich nur zwischen zwei Extremen? Als Kriegstreiber (aus Sicht der Gegner) oder als Friedensbringer (wie Rom sich selber sehen mochte)? Das Buch gibt nur vage Antworten auf diese Fragen. Penrose hält sich lieber an die Fakten, statt dem etwas zu sehr von Gloriosa umwaberten Einführungstext Hollands zu folgen.

Gleichwohl wird der Leser mehr als nur eine Ahnung von dem bekommen, was Roms ganz großes Talent war. Nicht der bloße Hang zur Eroberung, denn der war vielen Staaten gemein. Die Römer schufen sich ein Heer, das vom Korpsgeist nur so durchdrungen war. Wer in der Legion diente, „betrat das Reich des Mars“, schreibt Penrose. Aus der anfänglichen Bürgermiliz einer kleinen Stadt wurde eine schlagkräftige Truppe, die einer brutalen Disziplinierung unterworfen war. Und dieses Heer war eine gefürchtete Waffe in der Hand von Männern, die sich immer wieder auf neue Situationen und Gegner einzustellen vermochten. Roms Taktiker spiegelten die Fertigkeiten der großen Feinde wider.

Am Anfang scheint die Phalanx gestanden zu haben. Etrusker übernahmen die Technik der dicht hintereinander gestaffelten Reihen von den Griechen und gaben sie an die Römer weiter. Als diese Taktik den Römern zu schwerfällig und unflexibel erschien, teilten sie ihre Legionen in kleinere und beweglicher Einheiten auf – die Manipel. Von einer reinen Bürgerwehr, in der jeder Soldat nach seinem Vermögen für die eigene Ausrüstung sorgte, gingen die Römer zur Berufsarmee mit einheitlicher Ausrüstung für jede Truppengattung über. Um 215 v.Chr. setzte man die Einkommensgrenze für Rekruten soweit herunter, dass auch ärmere Bürger, die proletarii, den Dienst antreten konnten.

Die römischen Regierungen sahen schon immer zu, dass sie die Kraftreserven ihrer Armeen aufstocken konnten. Bündnispolitik und die Ausdehnung der Staatsbürgerschaft auf andere Gebiete ermöglichten das Anwerben zusätzlicher Kräfte. 218 v.Chr. hatte Rom zusammen mit seinen Kolonien und den Verbündeten schätzungsweise rund 600.000 Mann unter Waffen. Eine gewaltige Zahl, und angesichts der in jenem Jahr gerade heranrückenden karthagischen Truppen Hannibals auch bitter nötig. Allein, die Zahl gehört gründlich hinterfragt. Was Penrose auch tut.

Damals verfügte Rom über ein stehendes Heer von gerade einmal 20.000 Soldaten, rechnet die Autorin vor. Zwar konnte die Stadt auf große eigene Reserven sowie auf die der Bündnispartner zurückgreifen. Allein, diese Militärmaschine war alles andere als eingespielt und nur schwer kontrollierbar. Es dauerte noch einige Zeit, bis Rom daraus eine schlagkräftige Armee entwickelte. Bis dahin gab es Niederlagen wie die von Cannae (216 v.Chr.).

Rom war den Karthagern im Seekrieg hoffnungslos unterlegen. Bis zum Beginn des ersten Punischen Krieges hatte Rom nicht einmal ein übersteigertes Interesse an überseeischen Besitzungen. Erst das militärische Engagement der Karthager in Sizilien änderte die Lage. Rom wollte keine Großmacht vor der eigenen Haustür. Und so taten die Römer, was nötig war: sie bauten sich eine Flotte und wurden praktisch über Nacht zur seefahrenden Nation. Diese Anpassungsfähigkeit half auch über andere Schwächen hinweg. Das klappte jahrhundertelang hervorragend. Bis irgendwann die wirtschaftlichen Reserven erschöpft waren.

Rekonstruktionen von Siegern und Besiegten

Überhaupt, die Niederlagen. Die Römer verloren nicht nur eine Schlacht nach der anderen gegen Hannibal. Ihnen gingen komplette Armeen verloren. Lange bissen sich Legionen in einem Besetzungskrieg gegen die hispanischen Iberer fest. Mit riesigen Verlusten. Legionen verschwanden mitsamt unfähiger Heerführer in Germanien, gegen die Parther oder später die Sassaniden. Und sie rieben sich in den heftigen Bürgerkriegen auf, die etwa Sulla und Marius oder Caesar und Pompeius sowie Constantin und Maxentius miteinander ausfochten.

Die Bürgerkriege der späten Republik nimmt Penrose zum Anlass, um endlich auch einmal einen kurzen Blick auf die politische Bühne des Imperiums zu werfen. Die Angst vor allzu großer Macht Einzelner lähmte die Republik zusehends. Seit jeher wurden wichtige Ämter nur für ein Jahr vergeben. Sie waren entsprechend heiß umkämpft. Eigentlich befand sich die Regierung im ständigen politischen Kampfgeschehen. Eine politische Karriere war mit einer militärischen Laufbahn verbunden und sie kostete bei der Kandidatur für hohe Ämter viel Geld. Der Übergang von der Republik zur Diktatur und schließlich zum Kaisertum schien logisch. Penrose beschreibt diesen Weg sehr gründlich – aus militärischer Sicht. Etwa anhand der Taktik Caesars, unterstützt durch Strategiepläne seiner Schlachten mit Pompeius.

Vier Kapitel sind es, in denen die Autorin die lange Entwicklungsgeschichte der römischen Armee nachzeichnet: Königszeit und Republik, die späte Republik und zwei Abschnitte zur Kaiserzeit. Jedes Kapitel ist zunächst dem Zustand Roms und seines Heeres gewidmet. Wer diente in welchen Einheiten, wie wurden diese eingesetzt und wie sahen die Uniformen aus? Diesen Fragen geht Penrose in knappen Beschreibungen nach. Der Illustrator Angus McBride, der an vielen Osprey-Titeln mitarbeitete, besorgte die äußerst lebendig wirkenden Rekonstruktionszeichnungen.

Eine detailreiche Darstellung erfahren auch die zahlreichen Gegner, die Rom im Laufe der Geschichte hatte. Jede Epoche hatte ihre großen Auseinandersetzungen. Natürlich beginnt alles mit dem Streit unter Nachbarn – vom mythischen Raub der Sabinerinnen bis zur endgültigen Unterwerfung Latiums und der Etrusker. Neben Karthagern, Iberern und Numidern machten auch Makedonen, Kelten und Britannier den Legionen zu schaffen. Germanen, Daker, Goten und schließlich die Hunnen vervollständigen die Liste. Auch diese Völker erstehen in Text und Bild auf eindrucksvolle Weise neu. Man darf getrost die Rekonstruktionen auch hinterfragen. Aber sie bieten etwa den Akteuren der Living-history-Szene hervorragende Ansätze für eigene Nachbauten.

Pax Romana und ein langsames Ende

Das bildhafte Gleichnis vom Raubtier schwächelt, wenn man die gut zweihundert Jahre nach Kaiser Augustus in Betracht zieht. Es gab nicht eben viele Neueroberungen, die Legionen sicherten die Ruhe innerhalb der Grenzen. Die „Pax Romana“ belebte Handel und Wirtschaft. Die Militärdiktatur, in der die Legionen auf den Kaiser den Treueid schwuren, verhinderte meist den Ausbruch schlimmer innenpolitischer Exzesse. Augustus konnte es sogar wagen, erstmals eine ständige Garnison in die Stadt Rom zu legen – das wäre zu Zeiten der Republik eine Todsünde gewesen. Diese Elitetruppe, die Praetorianer, bekamen übrigens wesentlich mehr Sold als der Rest der Truppen. Penrose liefert auch dafür ein Beispiel: Laut Soldbüchern aus dem Jahr 14 kassierte ein Praetorianer 720 Denare im Jahr, andere Legionäre brachten es auf gerade einmal 225 Denare.

Das langsame Sterben Roms – oder besser gesagt: Westroms – macht Penrose gleichfalls am Auftreten der Legionen und seiner Feinde fest. Die Historikern streift die wirtschaftliche Krise in der Spätantike sowie die innenpolitische Rolle der Legionen als Kaisermacher nur. Sie legt das Augenscheinliche dar, und bleibt damit konsequent auf der vorgegebenen Linie ihrer Darstellung.

So beschreibt Penrose, wie ab Ende des 4. Jahrhunderts die Ausrüstung der Legionäre immer uneinheitlicher wird. Zugleich greifen immer mehr Bündnispartner und Hilfstruppen ins Kampfgeschehen auf Seiten Roms ein. Und noch etwas stellt Penrose fest: So manche Entwicklung scheint ein Rückgriff auf die Ursprünge zu sein. Die Schlachtreihen werden wieder kompakter, phalanxartiger. Der Staat sorgte nicht mehr allein für die Ausstattung seiner Soldaten. Die bekamen ein Bekleidungsgeld und waren selbst für ihre Rüstung zuständig.

Mit der Phalanx hielten auch schwer gepanzerte Reiter Einzug ins römische Heer. Eine verspätete Reaktion auf hochgerüstete Gegner wie die persischen Panzerreiter der Sassaniden? Diese Antwort bleibt Penrose schuldig, doch die vorangegangen Darstellungen und vor allem McBrides Rekonstruktionen sprechen für sich. Ein oströmisches Kriegshandbuch aus dem 6. Jahrhundert empfiehlt jedenfalls: „Der General wäre gut beraten, mehr Reitertruppen als Fußvolk zu befehligen.“

Am Ende nutzte alle Taktik nichts. Es krachte in vielen Regionen des Imperiums. Kaiser Valens verlor 378 bei der thrakischen Stadt Hadrianopolis (Adrianopel) nicht nur eine Schlacht gegen aufständische Westgoten. Rund zwei Drittel der römischen Armee soll bei dem Gemetzel umgekommen sein; der Kaiser selbst verlor sein Leben. Den Goten, und nach ihnen vielen anderen Völkern hatte Rom nicht mehr viel entgegenzusetzen. Der Osten konnte sich nach der Teilung des Imperiums im ausgehenden 4. Jahrhundert gerade noch der Agonie entziehen, im Westen ging bald gar nichts mehr.

Das Buch endet abrupt mit dem Eroberungszug der Hunnen. Hier hätte ein kleiner politischer Ausblick der Sache dann doch gutgetan. Immerhin bewahrte das byzantinische Reich das Erbe Roms auf seine ganz eigene Weise. Und das für weitere fast tausend Jahre.

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